Rössleweg RunMob 2023 – Mein Frauenrekord rund um den Kessel
Es gibt diese Strecken, an denen man wächst. Der Rössleweg ist für mich so eine. 57 Kilometer einmal rund um Stuttgart, über tausend Höhenmeter, jedes Jahr am Totensonntag. Dieses Mal lief ich nicht nur mit. Ich lief schneller als alle Frauen vor mir.
Worum es geht
Der Rössleweg ist nicht irgendein Lauf. Es ist eine Stuttgarter Institution. Jeden Totensonntag im November treffen sich Trail-Läufer am S-Bahnhof Obertürkheim, um gemeinsam einmal um den Kessel zu laufen – über Birkenkopf, Grabkapelle Rotenberg, Frauenkopf. Kein offizieller Wettkampf, kein Eintritt, keine Startnummern.
Aber gerade weil es kein offizieller Wettkampf ist, läuft die Stuttgarter Ultra-Szene hier alles auf, was sie an Beinen hat. Wer den Rössleweg schnell macht, hat in der Szene einen Namen. Am 26. November 2023 wollte ich es wissen.
Warum gerade dieser Tag
Der Herbst 2023 war für mich der erste richtig konsequente Trainingsherbst. Mein Tag begann meist um halb fünf. Auf dem Plan: Lange Tempo-Läufe im dunklen Wald, Bergintervalle auf dem Birkenkopf, zwei- bis dreimal die Woche schwere Gewichte am Abend. Disziplin war mein Trainingspartner – und sie war strenger als jeder Coach.
Der Tag selbst
Es war kalt. Drei Grad. Der Boden im Neckartal war von Raureif überzogen, später kam die Sonne durch. Ich war auf zwei Lagen plus Weste, Stirnband, Handschuhe. Verpflegung: Gels alle 30 Minuten, eine Flasche Iso, eine Flasche Wasser.
Der erste Anstieg hoch zum Burgholzhof war hart wie immer. Dann das Plateau, dann der Birkenkopf nach 19 Kilometern – mein erster Check: 1:43 auf der Uhr. Schneller als ich gedacht hätte. Mein Kopf sagte zu meinen Beinen: bleib ruhig, halte das Tempo, lauf nicht weg.
Kilometer 35: der Moment
Irgendwo zwischen Lindental und Rotwildpark wurde mir klar, dass ich gerade etwas Besonderes laufen könnte. Ich rechnete kurz: wenn ich das halte, lande ich unter 5:30.
Dann passierte das, was passieren musste: Ich sah einen Läufer vor mir, der gerade verkrampfte. Er ging im Schritt, hielt sich die Seite. Ich verlangsamte, fragte ob alles okay sei. Er nickte, sagte er habe noch ein Salz-Tab, brauche aber Wasser. Ich gab ihm meine halbvolle Flasche.
Das hat mich vielleicht zwei Minuten gekostet. Aber wer auf 57 Kilometern allein ist, weiß: jeder läuft am Ende für sich, aber wir tragen uns gegenseitig.
Was hat das eigentlich gekostet
An diesem Tag mehr als 5 Stunden 24 Minuten. Aber wenn ich ehrlich bin: Das hier war Monate. Es war 4:30-Wecker, wenn andere noch nicht mal ins Bett gegangen waren. Es war Mittagspausen-Läufe statt Salat in der Kantine. Es war Spinning-Einheiten am Abend, wenn die Beine eigentlich zu müde waren, aber das Herz noch wollte.
Es war auch: meine Tochter abends ins Bett bringen, dann selbst noch eine halbe Stunde Gewichte schleppen. Klimmzüge, Kniebeugen, Schulterheben. Die Kerze brennt an beiden Enden, ja. Aber nur an einem brennt das Feuer.
Rekorde sind keine Geschenke. Sie sind Quittungen.
Was ich gelernt habe
Erstens: Disziplin schlägt Talent. Ich bin keine Naturathletin. Was ich habe, ist ein Wecker und ein Plan.
Zweitens: Pace-Disziplin schlägt Pace-Ehrgeiz. Ich hatte bei Kilometer 19 das Gefühl, ich könnte schneller. Ich tat es nicht. Genau das hat den Rekord ermöglicht.
Drittens: Ich gebe trotzdem meine Flasche ab, wenn jemand sie braucht. Ein Rekord, der bei Kilometer 35 jemanden im Stich lässt, wäre nichts wert.
Vielleicht laufe ich ihn nochmal. Vielleicht knackt ihn jemand vorher. Aber bis dahin: 5:24:00. Stuttgart, 26.11.2023.
