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Fair laufen, fair gewinnen

Bei Kilometer 35 am Rössleweg gab ich einem Mann meine halbvolle Wasserflasche. Er hatte Krämpfe, ich noch eine eigene Flasche, und meine Rekord-Pace war gerade so eingespielt, dass jede Pause sie kosten konnte. Ich tat es trotzdem. Hier ist, warum.

Was bei Kilometer 35 passierte

Ich war im besten Lauf meines Lebens. Frauenrekord auf der Rössleweg-Strecke war in Reichweite. Mein Plan war: durchziehen, kein einziges Mal stehen bleiben, Pace halten. Dann sah ich ihn. Er war vor mir, ging im Schritt, eine Hand an der Hüfte. Ich erkannte den Krampf, bevor ich ihn fragte.

Zwei Optionen: vorbeilaufen und so tun, als hätte ich nichts gesehen. Oder anhalten. Ich hielt an. Fragte. Er nickte, sagte, er habe noch ein Salz-Tab, brauche aber Wasser. Ich gab ihm meine halbvolle Flasche. Vielleicht zwei Minuten verloren. Ich lief weiter. Den Rekord habe ich trotzdem geknackt.

Warum mir das so wichtig ist

Trailrunning ist ein einsamer Sport mit gemeinsamem Herzen. Auf der Strecke bist du allein. Aber alle, die mit dir starten, kämpfen denselben Kampf gegen denselben Berg, dasselbe Wetter, denselben Schmerz.

Wer in dieser Situation an einem Einbrechenden vorbeiläuft, hat den Sport nicht verstanden. Es geht nicht um Plätze. Es geht darum, dass am Ende möglichst viele ins Ziel kommen.

Ein Rekord, der bei Kilometer 35 jemanden im Stich lässt, wäre nichts wert.

Was Fairness im Trail bedeutet

1. Anhalten, wenn jemand wirklich braucht

Wirklich braucht, heißt: ohne dich kommt diese Person hier nicht weiter. Erschöpft? Anhalten. Verletzt? Anhalten. Unterzuckert? Anhalten. Verirrt? Anhalten. Selbst wenn deine Pace darunter leidet. Selbst wenn dein Rennen darunter leidet.

Nicht anhalten muss, wer einfach langsamer ist als du. Das ist kein Notfall, das ist nur Trail. Aber das echte Hilfsbedürftige zu erkennen ist Teil des Sports.

2. Keine Abkürzungen

Diese Regel klingt banal. Aber sie ist Tabu Nummer eins. Wer eine Markierung umgeht, weil sie einen 200-Meter-Umweg bedeutet, hat das Rennen aufgegeben. Auch wenn er finisht. Auch wenn ihn keiner sieht. Wir laufen nicht für Plätze. Wir laufen für unsere eigene Geschichte, die wir uns abends im Bett erzählen.

3. Niemanden vom Trail drängen

Ein Trail ist oft nur 50 Zentimeter breit. Wer überholt, sagt das vorher an, wartet auf den richtigen Moment, läuft nicht in den Vordermann hinein. Das ist nicht Höflichkeit. Das ist Respekt vor jemandem, der genau wie du seit Stunden auf den Beinen ist.

4. Nicht doping

Im Trailrunning gibt es bisher kaum strukturelles Doping wie auf der Straße. Das soll auch so bleiben. Wer im Amateur-Sport zu Substanzen greift, betrügt nicht nur die Konkurrenz – er betrügt sich selbst um die Erfahrung, wirklich zu wissen, was er kann.

Was Fairness mir gibt

Ich habe seit dem Rössleweg-Lauf den Mann, dem ich die Flasche gab, drei Mal wiedergetroffen. Beim Innsbruck-K42. Beim O-SEE. Bei einem lokalen Training in Stuttgart. Jedes Mal erinnert er sich. Jedes Mal nimmt er sich Zeit. Jedes Mal habe ich einen neuen Trainingsfreund gewonnen.

Das ist die Währung des Trails: nicht Zeit, nicht Platzierung. Sondern die Leute, die du auf dem Weg getroffen hast und mit denen du auf demselben Berg warst.

Plätze vergisst du. Menschen vergisst du nicht.

Eine letzte Sache

Ich bin ehrgeizig. Ich will gewinnen. Ich will Rekorde. Ich will im Ziel sein, bevor andere im Ziel sind. Das ist nicht zu verschämt zu erwähnen. Aber ich will all das, ohne dass jemand mit weniger im Ziel ankommt, weil ich auf seiner Strecke war.

Ehrgeiz und Fairness sind keine Gegensätze. Sie sind die zwei Seiten desselben Sports.

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