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Warum ich um vier Uhr morgens aufstehe

Vor fünf Jahren hätte ich gelacht, wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde freiwillig um vier Uhr morgens aufstehen. Heute ist es das ehrlichste Stück Tag, das ich habe.

Wie es anfing

Es gibt nicht den einen großen Moment. Es gibt nur viele kleine Mornings, an denen ich gemerkt habe: später geht nicht. Wenn ich um sieben aufstehe, ist mein Tag schon fremdbestimmt. Familie, Tochter zur Kita, Arbeit, Mails, Meetings. Wann soll ich da bitte laufen?

Also habe ich vor drei Jahren angefangen, den Wecker eine Stunde nach vorn zu stellen. Erst auf sechs. Dann auf fünf. Heute steht er auf 4:30, in den letzten Wochen vor wichtigen Rennen sogar auf 4:00. Und ich weine nicht mehr, wenn er klingelt.

Was ich gelernt habe

Frühaufstehen hat nichts mit Wille zu tun. Wille verbraucht sich. Wer jeden Morgen seinen Willen bemühen muss, um aus dem Bett zu kommen, ist nach zwei Wochen wieder bei sieben Uhr.

Was funktioniert: Routine. Routine ist Wille, der einmal entschieden wurde und dann nicht mehr verhandelt wird. Mein Wecker steht nicht zur Diskussion. Genau wie das Zähneputzen. Du diskutierst auch nicht jeden Morgen mit dir selbst, ob du dir die Zähne putzen sollst.

Frühaufstehen ist keine Willensleistung. Es ist eine entschiedene Frage.

Drei Dinge, die mir helfen

1. Klamotten am Abend rauslegen

Klingt banal, ist aber zentral. Wenn ich morgens noch überlegen muss, was ich anziehe, ist das eine Hürde zu viel. Stirnlampe geladen, Schuhe an der Tür, Funktionswäsche auf dem Stuhl. Ich muss morgens kein einziges Mal nachdenken.

2. Früh ins Bett

Niemand kann auf Dauer um vier aufstehen und um Mitternacht ins Bett gehen. Mein Bett ist um halb zehn die wichtigste Adresse des Tages. Kein Netflix, kein Handy, keine zweite Folge.

Anfangs war das das Schwerste. Heute freue ich mich auf den Schlaf wie früher auf den Feierabend. Sechseinhalb Stunden sind genug, wenn sie konsequent sind.

3. Eine echte Belohnung

Ich laufe nicht, weil ich muss. Ich laufe, weil der Wald um halb fünf morgens etwas hat, was kein anderer Ort hat. Es ist still. Es ist mein. Niemand mailt, niemand erwartet etwas, das Telefon hat keinen Empfang.

Das ist meine echte Belohnung. Nicht die Kilometer, nicht die Pace, nicht der Trainingsplan. Sondern dieser eine ehrliche Moment, der nur mir gehört, bevor der Tag zu allen anderen gehört.

Was ich nicht idealisiere

Es gibt Tage, an denen es kacke ist. An denen es regnet, an denen die Tochter um drei nochmal wach war, an denen die Beine schwer sind und der Wille nur ein Hauch. An solchen Tagen zwinge ich mich nicht. Ich stehe auf, ziehe mich an, gehe vor die Tür – und wenn nach zwei Kilometern klar ist, dass es heute nicht geht, drehe ich um. Auch das ist erlaubt.

Aber dieser eine Schritt vor die Tür – das ist der eigentliche Sieg. Was danach kommt, sind nur noch Kilometer.

Warum überhaupt

Manchmal werde ich gefragt, warum ich mir das antue. Vollzeitjob, Kind, Familie – und dann noch Stundenläufe vor Sonnenaufgang. Geht es nicht auch einfacher?

Doch. Klar. Es geht auch einfacher. Aber dann wäre ich nicht ich. Ich brauche diese Stunden am Morgen, in denen niemand etwas von mir will. Ich brauche das Gefühl, dass irgendetwas an meinem Tag mir gehört, bevor er für alle anderen anfängt. Wer das versteht, versteht warum ich es mache.

Vier Uhr morgens ist meine Zeit. Bis um sechs wieder die Welt anfängt.

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